Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

Institut für Pathologie
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Haus 28
 

Geschichte des Institutes

Die Entwicklungsgeschichte der Pathologie in Magdeburg in den letzten 100 Jahren ist von zwei Personen ganz wesentlich geprägt worden: Gustav Ricker und Hasso Essbach. Die Zeit ihres Wirkens kennzeichnet einerseits den Beginn der Pathologie in Magdeburg im Jahre 1906 und andererseits den Anfang der universitären Pathologie mit der Gründung der Medizinischen Akademie Magdeburg (MAM) und dem Wirken Hasso Essbachs als Pathologe und Rektor.

Erst mit der Ernennung Rickers am 1. Juni 1906 trat das Magdeburger Pathologische Institut offiziell ins Leben. Noch einiges auf dem heutigen Gelände des Universitätsklinikums erinnert an Gustav Ricker, z. B. die Bronzebüste des Bildhauers Eberhard Rossdeutscher (aufgestellt 23. September l957) oder das Fensterrelief im Hauptaufgang des Institutes für Pathologie. Hier steht Ricker neben Rokitanski, Virchow und Pawlow.

Gustav RickerGustav Ricker wurde 1870 in Hadamar geboren. Er war 36 Jahre alt, als er 1906 nach Magdeburg kam. Er hatte Medizin in Freiburg, München, Bonn und Berlin studiert. 1893 promovierte er in Berlin mit einer auf eigene Experimente gestützten Dissertation Über vergleichende Untersuchungen über Muskelatrophie zum Doktor der Medizin. Nach einem kurzen Aufenthalt in Zürich und einem Intermezzo in Halle hatte Ricker ab dem Sommer 1897 die 1. Assistentenstelle am Pathologischen Institut der Universität Rostock erhalten. Er habilitierte sich hier bereits im selben Jahr mit einer Schrift mit dem Titel Beiträge zur Lehre von den Geschwülsten in der Niere. Die Pathologische Anstalt, die Ricker in Magdeburg vorfand, war für die beiden städtischen Krankenhäuser, das Krankenhaus Altstadt und das Sudenburger Krankenhaus auf dem Gelände an der Leipziger Straße untergebracht.

Ein Jahr bevor Ricker nach Magdeburg kam, 1905, war sein Entwurf einer Relationspathologie erschienen. Mit seinen wissenschaftlichen Arbeiten suchte er eine neue Krankheitslehre zu begründen, die er Relationspathologie nannte und bewusst der Zellularpathologie Rudolf Virchows gegenüberstellte. Virchows Zellularpathologie, die die Zelle als wichtigstes Formelement betrachtete und das von ihm postulierte "omnis cellula a cellula", stellte Ricker seine relativistische Pathologie entgegen. Er stellte als erster das Nervensystem bzw. dessen Erregung an den Anfang aller Körperfunktionen und führte viele Krankheitsvorgänge auf Veränderungen der Beziehungen - der Relationen - zwischen Nervensystem, Blutgefäßen und Zellfunktionen zurück. Jede Reizeinwirkung (physiologische oder unphysiologische) auf den Organismus von Innen oder von Außen trifft über das Nervensystem zunächst auf die Blutzirkulation und bedingt bestimmte Veränderungen der Blutströme im Endgebiet der Strombahn, welche ihrerseits wieder die Funktion der Gewebezellen beeinflusst. Nach Ricker sind Art, Stärke und Dauer der Reizeinwirkungen auf den Organismus für die Erhaltung normaler Körperfunktionen als auch für das Auftreten von Krankheiten und Organschäden verantwortlich zu machen.

Nach Rickers Auffassung muss sich die naturwissenschaftliche Pathologie in ihren Aussagen auf die kausalen Relationen der Vorgänge beschränken. Es ist eine ganzheitliche Betrachtung des Menschen, "indem sie nicht nur die naturwissenschaftliche Determiniertheit, sondern auch dessen physische Wesensheit betrachtet." Bei aller Widersprüchlichkeit seines Werkes - es wurde von Zeitgenossen angegriffen und abgelehnt - ist er doch zu den originellen Denkern unter den Medizinern zu rechnen. So umstritten seine Relationspathologie auch ist, kann sie dennoch als beachtenswert für die moderne funktionelle Pathologie angesehen werden.

1933 wurde Ricker wegen seiner politischen Einstellung - er gehörte der SPD an - in den vorzeitigen Ruhestand versetzt, er starb 1948 in Dresden. Sein Nachfolger Dr. Otto Schultz-Brauns wurde im Oktober 1933 zum Direktor des Pathologischen Instituts ernannt. Er war seit 1937 NSDAP-Mitglied und wurde 1946 entlassen. Im Fach leistete er einen wesentlichen Beitrag dadurch, dass er für das Handbuch der Speziellen Pathologischen Anatomie den Beitrag über die Brustdrüsengeschwülste geschrieben hat.

Danach übernahm für eine Interimszeit von 1946 bis 1952 Dr. Richard Penecke die kommissarische Leitung des Pathologischen lnstituts.

1952, also noch vor der Gründung der Medizinischen Akademie 1954, übernahm Hasso Essbach die Leitung des Instituts für Pathologie am Sudenburger bzw. Gustav-Ricker-Krankenhaus, wie es ab 1948 hieß.

Hasso EssbachHasso Essbach, 1909 in Kemnitz geboren, hatte ab 1930 Medizin in Leipzig studiert, dort promoviert und anschließend zunächst als Assistenzarzt an der Chirurgischen Universitätsklinik gearbeitet. 1937 wandte er sich "dem Fach seiner Wahl, der Pathologie, zu". Er war am Pathologisch-Bakteriologischen Institut des St.-Georgen-Krankenhauses in Leipzig tätig, bevor er 1939 an das Universitätsinstitut für Pathologie wechselte. 1943 habilitierte er sich mit einer Arbeit über Die Meningeome vom Standpunkt der organoiden Geschwulstbetrachtung.

Essbach trat am 1. April 1952 sein Amt als Direktor an. Bereits am Jahresende wurde er zum Ärztlichen Direktor ernannt. Essbach hat die Gründung der Medizinischen Akademie mit vorangetrieben und als diese am 1. September 1954 ihre Pforten öffnete, wurde er der 1. Rektor der neuen Akademie. Hasso Essbach bekleidete dieses Amt über zwei Amtsperioden hinweg und wirkte später mehrere Jahre als Prorektor für Forschung.

Die räumliche Begrenztheit des Instituts, das durch Kriegsschäden schwer zerstörte Institutsgebäude und die Auslagerung des Sektionsbetriebs in einen provisorischen Sektionssaal hatte seit 1947 den Neubau des Instituts an alter Stelle notwendig gemacht, der sich aber als nicht ausreichend erwies. Dies führte auch wegen der hinzukommenden Aufgaben des Lehrbetriebs schließlich zum Institutsneubau. Im September 1959 konnte nach vierjähriger Bauzeit ein neues Institut für Pathologie fertiggestellt werden.

Schon im alten Institut war mit der Einrichtung von Spezialabteilungen begonnen worden, zuerst mit der Abteilung für Kinderpathologie, die in der DDR einen bedeutenden Zweig der Pathologie darstellte. Etwas später folgte eine Abteilung für Hirnpathologie und ab 1956 wurde ein Facharzt mit der Abteilung für Gerichtsmedizin betraut. Zur großzügigen räumlichen Gestaltung gehörten auch moderne Geräte, z. B. ein Elektronenmikroskop.

Bedeutende Verdienste kamen Essbach auf dem Gebiet der Kinderpathologie zu: 1961 erschien sein Lehrbuch Paidopathologie - es war das erste deutschsprachige Standardwerk auf diesem Fachgebiet. Aus der Liste seiner Veröffentlichungen sind die Untersuchungen zur konnatalen Toxoplasmose, zur Orthologie und Pathologie sowie zum Anpassungsvermögen der menschlichen Plazenta und zu morphologischen Besonderheiten der Tumoren im Kindesalter besonders hervorzuheben. Mit zahlreichen Ehrungen und Auszeichnungen bedacht wurde Essbach 1974 emeritiert, er verstarb 1992 im Alter von 84 Jahren.

Mit den hier skizzierten Lebenswegen der beiden bedeutenden Magdeburger Pathologen sind 100 Jahre Pathologie in Magdeburg umrissen. Während Ricker die wissenschaftliche Pathologie in Magdeburg einleitete, steht Essbach für den Beginn der universitären Pathologie.

Im Jahr 1974 übernahm Werner Kühne das Institut für Pathologie. Während seiner Zeit wurde die histologische Diagnostik weiter ausgebaut. Es kam zu einer strukturellen Verselbstständigung der Paidopathologie, für die ab 1982 ein zweiter Lehrstuhl eingerichtet wurde. Diesen hatte Ingeborg Röse inne, eine langjährige Mitarbeiterin von Essbach. Frau Röse hat die Paidopathologie seit den 1980iger Jahren systematisch weiterentwickelt und konnte insbesondere viel beachtete Arbeiten zur Pathologie der menschlichen Plazenta vorlegen.

Nach der politischen Wende von 1989 bestand ein Hauptproblem für die damalige Medizinische Akademie bzw. ab Oktober 1993 für die Medizinische Fakultät der Otto-von-Guericke-Universität in dem erheblichen Investitionsstau im Baubereich. Durch die bis vor kurzem bestehende Gemeinschaftsaufgabe Hochschulbauförderung war es dem Land Sachsen-Anhalt möglich, rund 400 Millionen Euro für die bauliche Restrukturierung der Gebäude der Medizinischen Fakultät bzw. des Universitätsklinikums verfügbar zu machen. Dies hat dazu geführt, dass am medizinischen Hochschulstandort Magdeburg im Gegensatz zu zahlreichen anderen medizinischen Fakultäten an der Bausubstanz kein lnvestitionsstau besteht. Für das Fach Pathologie ist besonders erfreulich, dass ein erheblicher Betrag der HBFG-Förderung zur Renovierung des sehr großzügigen Institutsgebäudes aufgewendet werden konnte, sodass für die Pathologie, die Neuropathologie und die Rechtsmedizin, die in diesem Gebäude angesiedelt sind, sehr gute Voraussetzungen bestehen, den immer anspruchsvoller werdenden wissenschaftlichen Herausforderungen in der kliniknahen Forschung gerecht zu werden.

basierend auf einem Beitrag aus Verhandlungen der Deutschen Gesellschaft für Pathologie 91. Tagung, herausgegeben von Hans H. Kreipe, München 2007   |   mit freundlicher Genehmigung der Autoren, Prof. Dr. E. Brinkschulte und Prof. Dr. A. Roessner.

Literatur
Letzte Änderung: 05.10.2016 - Ansprechpartner: Webmaster
 
 
 
 
Direktor
Univ.-Prof. Dr. med. univ.
Dr. sc. nat. Johannes Haybäck

Hausanschrift
Universitätsklinikum
Magdeburg A.ö.R.
Institut für Pathologie
Leipziger Straße 44
39120 Magdeburg

Standort
Haus 28

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Telefax 0391 / 67-15818
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